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Buch-Tipp: «Geschichten aus Tel Ilan» von Amos Oz

Tel Ilan ist ein kleiner Ort irgendwo im nördlichen Israel, umgeben von Weinbergen und Obsthainen. Hier erinnert noch manches an die Gründergeneration, doch neben den baufälligen Unterkünften für Saisonarbeiter finden sich heute Galerien, Boutiquen und Restaurants: Tel Ilan lebt mittlerweile mehr von Wochenendtouristen und Schnäppchenjägern als von der Landwirtschaft. Amos Oz, der international bekannteste israelische Schriftsteller, erzählt in acht Kurzgeschichten von den Einwohnern dieses kleinen Kosmos, ihren unerfüllten Sehnsüchten, ihrem Scheitern, von Menschen, die zwischen dem, was hätte sein können und was wohl nie sein wird, ihr scheinbar durch und durch alltägliches Leben führen. Er leuchtet darin das Leben der Menschen aus, die alle schwer an ihrem Schicksal tragen, obwohl sie offenkundig einen ganz gewöhnlichen Alltag leben. Das Dorf ist Israel – oder die ganze Welt.

Der Alltag wird mit der Poesie und die Komödie mit der Tragödie vereint. Oz erzeugt eindrücklich etwas Unheimliches, in der Schreibweise offensichtlich an E. T. A. Hoffmann geschult. Wenn in der Kurzgeschichte «Graben» eine Frau im eigenen Haus ein unerklärliches Geräusch zu hören beginnt, wenn in einer anderen Geschichte eine Frau auftaucht und wieder verschwindet. Immer gehe es um das Fremde, das eigentümlich vertraut ist. Der Autor beschreibt einsame Menschen, die miteinander arbeiten, singen oder flirten.

Niemand verhält sich sozial auffällig, aber Oz gelingt es, indem er Alltagssituation überraschend verdichtet, für Augenblicke die ganz persönlichen Abgründe seiner Protagonisten aufzureissen. Da sorgt sich die angesehene Ärztin des Ortes um ihren Neffen, der seinen Besuch angekündigt hat und nicht eintrifft, bis sich in einem Nebensatz herausstellt, dass er nur äusserst vage davon gesprochen hatte, vielleicht einmal zu kommen. Der Autor offenbart im Fürsorgewahn der Junggesellin deren Liebessehnsucht und Kontaktunfähigkeit. Oder in einer andern Kurzgeschichte trifft ein alleinstehender, namenloser Ich-Erzähler zum Schabbat-Singen im Haus der Nachbarn ein. Statt dass er sich dort einer ebenfalls alleinstehenden Frau nähert, zieht er sich unter das Schlafzimmerbett seiner Gastgeber zurück, wo sich vor Jahren deren Sohn eine Kugel in den Kopf gejagt hat. Alle Geschichten, realistisch angelegt, fesseln zuerst durch ihre dichte Atmosphäre, die Oz jedoch plötzlich ins absurd Unheimliche umschlagen lässt.

Hanspeter Stalder

Amos Oz: Geschichten aus Tel Ilan. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009. 187 Seiten. ISBN: 978-3-518-42067-6

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