Interview mit Ismael Khatibs, dem Vater des getöteten Ahmed, dessen Geschichte in «Das Herz von Jenin» verfilmt wurde.
Von Hanspeter Stalder
Ismael Khatibs, der grossgewachsene Palästinenser, der Vater des getöteten Ahmed, sass neben einem Übersetzer und antwortete ruhig und abgeklärt mit seiner tiefen, sonoren und freundlichen Stimme, geduldig und einfühlsam auf meine Fragen. Weil dabei Arabisch, Englisch und Deutsch gelegentlich durcheinander gerieten, sind die folgenden Antworten – ergänzt durch weitere Aussagen von ihm und den andern Mitgliedern des Filmteams nach der Vorpremiere – etwas freier als üblich formuliert.
Wann und weshalb hast du dich entschlossen, über die tragischen Ereignisse einen Film zu drehen?
Zu keinem Zeitpunkt bestand die Idee einen Film zu drehen über den Tod meines Sohnes und die Transplantation seiner Organe. Die Meldung von Schüssen auf Ahmed kam schnell ins Internet. Und schon nach Minuten waren viele Journalisten im Spital. Einer davon war Leon Gellert, der auch Filme macht. Er spürte, dass dies eine grosse Geschichte ist und entschloss sich, darüber einen Film zu drehen. Er sammelte Material, suchte Mitarbeiter und einen Produzenten. Das war fürs erste die Firma Eikon. Diese zog Marcus Vetter, einen erfolgreichen deutschen Dokumentaristen, bei. Und so begann die zweijährige Arbeit am Film «Das Herz von Jenin».
Wie habt ihr die Bevölkerung für den Dreh gewonnen?
Jedermann sah, was passiert war. Darüber drehten wir einen Dokumentarfilm. Alles, was wir jetzt im Film sehen, ist hier bei uns so real abgelaufen. Für die Bevölkerung gab es also nichts zu inszenieren. Wir filmten, was passierte. Und alle waren bereit, dabei zu sein und mitzumachen, Interviews und andere Auskünfte zu geben, ihren Teil beizutragen zu diesem gemeinsamen Werk, an dessen Wichtigkeit wir nie gezweifelt hatten.
Gab es Probleme beim Drehen?
Da wir neben dem deutschen Produzenten einen israelischen Co-Produzenten hatten, ging alles gut. Wir hatten keine Probleme. Normalerweise produzieren palästinensische Filmemacher mit israelischen Produzenten und oft zusätzlich mit einem europäischen Co-Produzenten. Grundsätzlich funktioniert es bei uns im Filmbusiness wie zwischen palästinensischen und israelischen Ärzten in den Spitälern, die meist sehr gut kooperieren. Es gibt jedoch keine offizielle, staatliche, sondern nur eine inoffizielle, private Zusammenarbeit.
Wie reagierte deine nähere Umgebung darauf, dass über den Tod deines Sohnes und die Weitergabe seiner Organe ein Film gedreht wird?
Eine besondere Rolle nimmt da meine Frau Alba ein. Als meine Partnerin war sie in all meine Entscheide involviert, hat die Produktion des Films begleitet und miterlebt. Doch gesehen hat sie den Film bis heute noch nicht. Er wäre zu hart für sie, denke ich. Auch der Mufti und der Verantwortliche der Al-Aksa-Brigade waren mit dem Film und seiner Botschaft voll einverstanden.
Im Nachgang zum Film «Das Herz von Jenin» startet das Projekt «cinemajenin», welches darin besteht, in der Stadt das zerstörte Kino wieder aufzubauen. Plant ihr, wenn es cinemajenin gibt, auch ein cinemanablus oder cinemaramallah usw.?
Nein. Nach cinemajenin planen wir kein cinemabethlehem, cinemanablus usw. Denn cinemajenin ist – zusammen mit dem Film, der dort entstanden ist – ein Symbol, ein soziales und gesellschaftliches Werk, das möglicherweise zwar auf andere Städte ausstrahlen wird, doch im Grunde zu Jenin gehört. In Bethlehem wurde das Kino mangels Publikum geschlossen; in Ramallah gibt es ein Kino, das jedoch vornehmlich amerikanische und ägyptische Unterhaltungsfilme spielt.
Nach einigem Zögern fragte mich Ismael abschliessend, langsam und bedächtig:
Darf ich dir eine Botschaft mitgeben? Glaube mir: Ich allein kann keinen Frieden machen. Ich brauche Unterstützung, von vielen, von allen. Helft mir.
Kinderhilfe Bethlehem, khb@caritas.de, Tel. 0761 200-314, Spendenkonten