Interview: Eine Brauerei in Palästina

Interview: Eine Brauerei in Palästina


Madees Khoury ist in den USA geboren und hat dort Wirtschaftswissenschaften studiert. Heute leitet die 34-Jährige die Taybeh-Brauerei in der Nähe von Ramallah. Im Gespräch mit Livia Leykauf berichtet sie von den täglichen Herausforderungen.

Eine Brauerei in Palästina ist eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu? 

Mein Vater wollte damals eigentlich in Boston eine kleine Brauerei eröffnen. Mein Großvater schlug aber vor, in Palästina Bier zu brauen. Er besorgte alle Lizenzen, Papiere, das Grundstück. So kam die ganze Großfamilie zurück, überzeugt von den Friedenshoffnungen nach dem Oslo-Abkommen. Das war vor 25 Jahren. 

Dennoch haben Sie sich dort wohlgefühlt und wollten nicht zurück in die Vereinigten Staaten? 

Ich bin zum Studium der Wirtschaftswissenschaften nochmals zurück, aber in allen Semesterferien habe ich in der Brauerei mitgeholfen. Auch nach dem Studium bin ich gleich ins Westjordanland zurückgekommen.  

Eine Brauerei in Palästina ist eher ungewöhnlich. Wie kam es dazu? 

Mein Vater wollte damals eigentlich in Boston eine kleine Brauerei eröffnen. Mein Großvater schlug aber vor, in Palästina Bier zu brauchen. Er besorgte alle Lizenzen, Papiere, das Grundstück. So kam die ganze Großfamilie zurück, überzeugt von den Friedenshoffnungen nach dem Oslo-Abkommen. Das war vor 25 Jahren.  

Was hat Sie gereizt, in dieses Familienunternehmen einzusteigen?  

Mich hat schon als Kind die Atmosphäre dort fasziniert. Ich habe meinem Vater geholfen, Kartons zu falten. Später waren es dann andere Aufgaben. So eng mit der Familie zusammenzuarbeiten ist nicht immer einfach – aber es ist besonders, bereichernd, einzigartig.  

Ihr Vater hat ein Diplom als Braumeister, Ihr Bruder absolvierte als Bester den Kurs in Bierbrauen. Wie haben Sie das Brauen erlernt?  

Von meinem Vater. Dann hatte ich die Chance, eine Ausbildung in China zu machen. Später kam mein Bruder nach seinem Abschluss für zwei Jahre nach Taybeh und hat mir die modernen Brautechniken und Trends beigebracht – bis er sein Wirtschaftsstudium in der USA wieder aufnahm. Seither mache ich wieder alles selbst. Bisher macht es aber noch jeden Tag Spaß.  

Was sind die Herausforderungen in Taybeh Bier zu brauen?  

Unter Besatzung zu arbeiten bedeutet, dass es ganz besondere Herausforderungen und Probleme gibt. Ein Beispiel: Bier besteht zu 95 Prozent aus Wasser. Aber oft erhalten wir von Israel viel zu wenig Wasser, um brauen zu können. Oder: Wir brauchen vier Wochen Vorlaufzeit, um Ausfuhrgenehmigungen von Israel einzuholen, um abzuklären, ob wir den Checkpoint nutzen können und die Lieferung bis zum Hafen durchkommt. Palästina hat keine eigenen Landesgrenzen, wir müssen also alles mit den israelischen Behörden absprechen. 

Das klingt sehr kompliziert. 

Wir müssen immer einen Plan B haben. Und eigentlich auch einen Plan C und D. Aber es ist auch spannend, ständig neue Lösungen für Probleme zu finden, die man so nicht erwartet hat. Das sorgt für einen gehörigen Adrenalinschub. Immer fragt man sich: gelingt es, die Flaschen nach Tel Aviv zu bringen? Haben wir genügen Wasser? Finden wir einen Fahrer, der die Ware transportiert? Ist der Checkpoint offen, usw.? 

Was bedeutet es, dass das Produkt in Palästina hergestellt wird?  

Es geht um viel mehr als um das Bier. Es geht um das Bild von Palästina im Ausland. Viele wissen gar nicht, dass hier Bier von hoher Qualität nach dem Reinheitsgebot produziert wird; dass wir Englisch sprechen, gut ausgebildetes Personal und ernst zunehmende Wirtschaftsunternehmen haben; dass es ein Oktoberfest gibt, auf dem Tausende Menschen friedlich zusammen feiern. Die Leute sind erstaunt und fragen sich: Was steckt da dahinter? 

Sie exportieren inzwischen in 15 Länder. Gibt es keine Probleme mit dem «Made in Palestine»? 

Für Kanada und die Vereinigten Staaten mussten wir die Etiketten ändern, weil sie Palästina nicht als Land anerkennen und daher kein «palästinensisches» Produkt einführen. In Israel hingegen, wo unser Bier seit 1994 erhältlich ist, gibt es damit keine Probleme. Auf jeder Flasche steht «Made in Palestine».  

Gibt es auch in Palästina Probleme mit dem Bier «Made in Palestine»? 

Wie auf der ganzen Welt trinken nicht alle Menschen Bier – aus ganz unterschiedlichen Motivationen: weil sie Auto fahren, weil es sehr heiß ist, weil sie aus religiösen Gründen keinen Alkohol trinken…  Daher haben auch wir begonnen, alkoholfreies Bier herzustellen. So sind wir in Palästina nicht auf ausländische Produkte angewiesen und haben eine lokale Alternative.  

Wie ist es für Sie als Frau in diesem Beruf?  

In der Bier-Industrie haben Frauen weltweit einen schwierigen Stand. Aber hier in der arabischen Kultur, in der Männer eine sehr dominante Rolle spielen, ist es doppelt schwierig. Besonders mit der älteren Generation. Es hat lange gebraucht, bis ich akzeptiert wurde. Alle finden es toll, dass eine junge Frau so einen harten Job macht. Aber übers Geschäft reden sie lieber mit meinem Vater. Zumindest war das am Anfang so.   

Frustriert Sie das manchmal?  

Ja. Besonders wenn es bei Verhandlungen harzt und der Partner dann sagt: Mach dir keine Sorgen, ich kläre das mit deinem Dad. Zum Glück macht er da nicht mit! Mit der jüngeren Generation habe ich weniger Probleme. Die meisten von ihnen haben eine gute Ausbildung, sie sind gereist, offener und liberaler. Die verhandeln oft sogar lieber mit mir als mit meinem Vater oder Onkel.  

Sie haben sich durchgebissen und führen nun den Familienbetrieb. Was raten Sie jungen palästinensischen Frauen?  

Nicht aufzugeben ist das Wichtigste. Wenn sie studieren, eine Stelle annehmen oder reisen  
wollen – sie sollen ihren Traum nicht aufgeben, nur weil die Eltern oder die Gesellschaft andere Vorstellungen haben. Palästinensische Frauen sind sehr stark, oft klug und gut ausgebildet. Wenn sie die Chance erhalten, können sie Tolles bewirken. 

Was brauchen sie dazu? 

Freiraum um zu gestalten. Viele geben nach dem Studium ihre Träume und Karrierepläne auf, um nur noch daheim für die Familie da zu sein. Sie haben keine Möglichkeit mehr, etwas für sich zu tun. Natürlich ist Muttersein etwas Wichtiges und Wundervolles. Aber muss das wirklich alles andere ausschließen?  

Wer muss sich zuerst ändern, die Frauen oder die Männer, damit sich die Gesellschaft wandelt?  

Beide gleichzeitig. Und ich nehme diese Veränderung auch schon wahr. Es gibt die jungen Leute, die inzwischen während des Studiums und in den Semesterferien arbeiten, ihren Horizont erweitern. Sie sehen über den Mikrokosmos Familie hinaus, sammeln neue Ideen, spüren, was sie wirklich interessiert und begeistert. Besonders in den Städten nimmt man diese mentale Öffnung wahr.   

Wo sehen Sie die Brauerei und sich selbst in zehn Jahren? 

Nun, ich hoffe, dass ich immer noch Bier in Taybeh braue. Ich würde auch gerne junge Palästinenserinnen und Palästinenser beraten, die ihr eigenes Business aufbauen möchten. Die wichtigsten Voraussetzungen dafür sind Friede und politische Stabilität. Das ist schwer vorauszusagen, in welche Richtung sich das entwickelt. Es liegt nicht in unserer Hand.

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